WortakroBadisch

WAB 404/08

Gleichberechtigung

In meiner Tageszeitung finde ich stets Berichte über tugendhaftes, ja vorbildliches Handeln. Ob das nun Blutspender sind, ehrenamtliche Helfer, engagierte Politiker oder sozialdienliche Kuchenbäckerinnen, immer steht das gute Beispiel im Vordergrund. So bleibt manches nachhaltig im Gedächtnis und macht Mut, es den Vorbildlichen gleichzutun. Was nicht in meiner Tageszeitung stand, zumindest nicht bis eben, ist das vorbildliche Verhalten meiner Frau am vergangenen Valentinstag. Völlig überraschend habe ich von Traudl einen Blumenstrauß bekommen. Sie können sich vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe, zumindest dieser Gefühlsregung einen natürlichen Anstrich zu verleihen. Ich war total überrumpelt. Traudl musste gedacht haben: „Aktion gelungen, Volltreffer. Der wird in Zukunft dran denke!“ Bei solchen oder ähnlichen Überraschungsangriffen habe ich gewöhnlich einen Standartsatz parat, der mir schon oft aus der Patsche geholfen hat. „Schatz, damit hab ich aber jetzt gar net gerechnet.“ Das ist ein recht idiotischer Satz, aber er steckte, wie gesagt, schon in meinem Magazin. Danach bat mich Traudl die Karte zu lesen, die zwischen den Blumen steckte. „Gehe stets voran, das gute Beispiel wird Dir folgen!“ Ich hatte verstanden. Die Blumen stehen nun auf meinem Schreibtisch und ihr Duft mahnt mich, beim nächsten Valentinstag das eheliche Zusammenleben nicht wieder zu trüben. In meinen Jahreskalender 2021 habe ich nun den 14. Februar mit rotem Textmarker angestrichen, damit ich mich nicht wieder mit diesem idiotischen Satz: „Schatz, damit hab ich aber jetzt gar net gerechnet“ aus der Affäre ziehen muss, sondern mir bei Zeiten eine bessere, ja angemessene Formulierung überlegen kann. Zum Beispiel: „Danke Schatz. Ich find‘s schön, dass bei uns net nur über Gleichberechtigung g’sproche, sondern sie auch praktisch umg`setzt wird!“

BadischWildWest

KW 10/593

Fasten

Die Dichte der zu Jahresbeginn auftretenden Festivitäten ist in Traudls und meinem Umfeld zu manchen Jahren so enorm, dass es zu einer logistischen Herausforderung wird. Zumal runde Geburtstag in entlegenen Regionen von Baden mehrtätig angelegt werden müssen.
Glücklicherweise fällt diese Festphase in unsere Fastenzeit, die wir mit Ausnahme von Schorschi zwischen Fastnacht und Ostern zelebrieren. So können einige Einladungen dem Glaubersalz zum Opfer fallen. Hatten wir gedacht, denn einige unserer gesundheitsbewussten Freunde und Verwandten fasten inzwischen ebenso. Auch sie rühren in dieser Zeit das Glaubersalz an und setzen die entschlackenden Reinigungsprozesse in Gang. So gerieten wir nun wider Willen auf Onkel Herberts 60ten, den er in Form einer Fastenparty feierte.
“Traudl, vergiss es!“ Ich geh zwar hin, aber ich gratulier‘ nur, trink vielleicht e Tass‘ Tee und dann zisch ich wieder ab.“
Im Wohnzimmer saßen Basenfaster, Heilfaster, Waldkräuterfaster, Bachblüten-Askesen und Saftfaster. Wir setzten uns zu den Basenfastern, da diese dem Augenschein nach wenigstens ein klein wenig unter ihrem Fasten litten. Alle andern waren in einer heiteren Grundstimmung, die man gewöhnlich nur von alkoholintensiven runden Geburtstagen kennt. Wir hatten eine Zitronensaft-Fasterin am Tisch, die sich bis Ostern nur mit Zitronensaft über Wasser halten wollte. Sodann eine Anhängerin des indischen Luftfastens, einer Spezies, die aus der Umluft die lebenserhaltenden Duftnoten zu extrahieren und die nährenden wie heilenden Bestandteile heraus zu filtern weiß. Gemein hatten alle die frohe und gelassene Fasten-Stimmung. Mehr noch. Es schien, dass nach Abführung von Schlacke die anwesenden Körper in gelöster Verzückung verharrten und in urbaner Vitalität erstrahlten. Es gibt doch wirklich eigenartige Bräuche im Land.

WortakroBadisch

Aus dem Tagebuch des Homo Badensis
„Bei Jörg Kräuter handelt es sich um einen wortakrobatischen Autor – nein eigentlich eher um einen wortakroBadischen, weil seine kabarettistisch geschulte Zunge im Murgtal die Reife erhielt, einer Gegend, die gerade noch des abgemilderten Alemannischen Idioms huldigt.  ….“

Katz Verlag

PsychoBadisch

Mit dem König von Baden durchs Jahr
Mit spitzer Feder gibt Jörg Kräuter Antworten auf die drängenden Fragen, was den Badener ausmacht. Es sind kabarettistische Improvisationen über seine Landsleute zwischen Rebensaft und Bollenhut. Kräuter eröffnet eine poetisch-burleske Seelenschau, eine hinter- und vordersinnige Reise in die Gehirnschalen von Menschen seiner Heimat.

silberburg.de